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Montag, 13. Juli 2009

Offenbarungserkenntnis teil 3

Noch einmal Watchman Nee


Der zweite Schritt: sich einschätzen

Nun kommen wir zu dem auf das Wissen folgenden Schritt, einem Thema, das unter den Kindern Gottes schon einige Verwirrung verursacht hat. Beachtet zunächst einmal den Wortlaut in Römer 6:6: ,,Da wir dies wissen, daß unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt worden ist.“ Die Zeitform des Verbs ist sehr kostbar, denn durch sie wird dieses Ereignis zu etwas Vergangenem, Endgültigem und ein für allemal Geschehenem. Unser alter Mensch ist ein für allemal gekreuzigt worden, und dies kann nun nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dies müssen wir wissen.

Was folgt nun aber auf dieses Wissen? Schaut euch noch einmal diesen Abschnitt des Römerbriefes an. Die nächste Aufforderung finden wir in Vers 11: ,,Nun schätzt auch ihr euch so ein, daß ihr der Sünde tot seid.“ Dies ist eindeutig die selbstverständliche Folge von Vers 6. Lest diese beiden Verse einmal hintereinander: ,,Da wir dies wissen, daß unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt worden ist ... schätzt auch ihr euch so ein, daß ihr ... gestorben seid.“ Dies ist die Reihenfolge. Wenn wir wissen, daß unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden ist, ergibt sich als nächster Schritt, daß wir uns auch so einschätzen.

Wenn über die Wahrheit unserer Einheit mit Christus gepredigt wird, betont man leider nur zu oft lediglich den zweiten Schritt, nämlich daß wir uns für tot halten sollen, so, als wenn dies der Ausgangspunkt wäre. Als erster Schritt sollte jedoch vielmehr unser Wissen, daß wir tot sind, hervorgehoben werden. In Gottes Wort ist es so klar, daß ,,Wissen“ dem ,,Einschätzen“ vorausgeht.

,,Da wir dies wissen ... schätzt euch ein.“ Diese Reihenfolge ist außerordentlich wichtig. Unser Einschätzen muß auf dem Wissen einer von Gott offenbarten Tatsache beruhen, da sonst der Glaube keine Grundlage hat. Wenn wir das Wissen haben, schätzen wir uns automatisch auch so ein.

Wenn wir die Gläubigen in diesen Tatsachen unterweisen, sollten wir also das Einschätzen nicht überbetonen. Oft versuchen sie, sich ohne das offenbarte Wissen für tot zu halten. Sie haben keine Offenbarung vom Geist empfangen und versuchen dennoch, sich für tot zu halten und geraten dadurch in allerlei Schwierigkeiten. Sobald eine Versuchung kommt, beginnen sie, sich wild entschlossen für tot zu halten: ,,Ich bin tot! Ich bin tot! Ich bin tot!“, doch gerade in jenem Augenblick versagen sie und kommen daraufhin zu dem Schluß: ,,Es funktioniert nicht. Römer 6:11 nützt nichts.“ Und zugegebenermaßen nützt Vers 11 ohne Vers 6 tatsächlich nichts. Wenn wir also nicht mit absoluter Sicherheit wissen, daß wir mit Christus gestorben sind, wird der Kampf immer heftiger, je mehr wir uns einschätzen, und das sichere Ergebnis ist eine Niederlage.

Ich selbst wurde jahrelang nach meiner Bekehrung gelehrt, mich für tot zu halten, und praktizierte dies von 1920 bis 1927.

Je mehr ich mich jedoch einschätzte, der Sünde gestorben zu sein, desto lebendiger war ich ganz eindeutig. Ich konnte einfach nicht glauben, daß ich tot war, und ich konnte meinen Tod auch nicht bewirken. Jedesmal, wenn ich andere um Hilfe bat, wurde ich angewiesen, Römer 6:11 zu lesen, doch je mehr ich Römer 6:11 las und mich für tot zu halten versuchte, desto weiter entfernt erschien mir der Tod – er war einfach unerreichbar. Ich hatte die Lehre, mich für tot zu halten, voll und ganz begriffen, verstand jedoch nicht, warum ich damit nichts erreichte. Ich muß zugeben, daß ich deswegen monatelang Schwierigkeiten hatte.

Ich sagte zum Herrn: ,,Wenn mir dies nicht klar wird, wenn ich diese grundlegende Tatsache nicht sehen kann, werde ich überhaupt nichts mehr tun. Ich werde nicht mehr predigen und dir nicht mehr dienen. Zuerst möchte ich völlige Klarheit haben.“ Das Suchen dauerte Monate. Zuweilen fastete ich sogar, doch ich bekam keine Antwort.

Aber dann kam ein unvergeßlicher Morgen. Ich saß im Obergeschoß an meinem Schreibtisch, las im Wort und betete: ,,Herr, öffne mir die Augen!“ Plötzlich schien das Licht, und ich sah. Ich erkannte meine Einheit mit Christus, ich sah, daß ich in ihm war und daß ich in seinem Tod mit ihm gestorben war. Ich erkannte, daß mein Tod längst der Vergangenheit angehörte und nicht der Zukunft, daß ich genauso wahrhaftig gestorben war wie Christus, da ich in ihn eingeschlossen war, als er starb. Nun endlich begann ich zu sehen. Meine Freude über diese großartige Entdeckung war so überströmend, daß ich von meinem Stuhl aufsprang und rief: ,,Lobt den Herrn, ich bin tot!“ Ich eilte die Treppe hinunter und begegnete einem der Brüder, der in der Küche half. Ich ergriff ihn und sagte: ,,Bruder, weißt du, daß ich gestorben bin?“ Natürlich schaute er mich ein wenig verblüfft an. ,,Wie meinst du das?“ fragte er mich. Ich erklärte ihm also: ,,Weißt du nicht, daß Christus gestorben ist? Weißt du nicht, daß ich mit ihm gestorben bin? Weißt du nicht, daß mein Tod genauso wahr ist wie sein Tod?“ Oh, dies war zu einer überwältigenden Wirklichkeit für mich geworden! Am liebsten wäre ich durch die Straßen Schanghais gelaufen und hätte meine Entdeckung verkündigt. Von jenem Tage an hatte ich nie mehr den leisesten Zweifel an der Gültigkeit dieses Wortes: ,,Ich bin mit Christus gekreuzigt.“

Damit will ich nicht sagen, daß sich diese Tatsache nicht auch praktisch auswirken muß. Natürlich hat es Folgen, daß wir gestorben sind, wie wir später noch sehen werden. Die Grundlage ist jedoch zunächst einmal die in Christus geschehene Tatsache: Ich bin gekreuzigt.

Wie kommen wir nun dahin, daß wir uns auch so einschätzen? Mit einem Wort gesagt: es ist Offenbarung. Gott selbst muß uns eine Offenbarung geben (Mt. 16:17; Eph. 1:17-18). Unsere Augen müssen für unsere Einheit mit Christus geöffnet werden.

Dies ist mehr, als nur die Lehre darüber zu verstehen. Solch eine Offenbarung ist nichts Verschwommenes oder Ungewisses. Die meisten von uns können sich noch gut an den Tag erinnern, an dem sie erkannten, daß Christus für sie starb. Genauso klar sollten wir uns jedoch auch an den Zeitpunkt erinnern können, an dem wir sahen, daß wir samt Christus gestorben sind. Solch ein Wissen sollte nicht verschwommen, sondern sehr eindeutig sein, denn es ist die Grundlage für unser Vorangehen. Ich bin tot, nicht weil ich mich für tot halte, sondern weil ich tot bin.

Weil ich nun sehe, was Gott in Christus an mir tat, darum halte ich mich für tot. Dies ist die richtige Art und Weise, sich einzuschätzen: nicht auf den Tod hin, sondern vom Tod her.

Schätzt auch ihr euch so ein!

Was bedeutet einschätzen? ,,Schätzt euch ein“ im Griechischen bedeutet eigentlich ,,rechnet euch dafür“. Dieses Wort gehört in den Bereich des Rechnens und der Buchführung. Das einzige auf der Welt, was der Mensch exakt ausführen kann, ist rechnen.

Kann ein Künstler eine Landschaft mit letzter Genauigkeit malen? Oder kann der Historiker für die absolute Verläßlichkeit seiner Quellen und der Kartograph für die letzte Genauigkeit seiner Landkarte bürgen? Bestenfalls sind sie in der Lage, sich der Wirklichkeit in hohem Maße anzunähern. Selbst wenn wir im Alltag irgendeine Begebenheit so ehrlich und wahrheitsgetreu wie möglich erzählen wollen, können wir sie nicht mit völliger Genauigkeit darstellen. Meistens über- oder untertreiben wir, sagen wir zu viel oder zu wenig. Das einzige, was der Mensch absolut zuverlässig tun kann, ist rechnen. Hier ist kein Platz für Irrtum. Ein Stuhl plus ein Stuhl ergibt zwei Stühle. Diese Gleichung gilt in London wie auch in Kapstadt, ob man nun in Richtung Westen nach New York oder in Richtung Osten nach Singapur blickt. Auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten, im Himmel, auf der Erde und sogar in der Hölle ist eins plus eins gleich zwei.

Warum fordert uns Gott auf, uns für tot zu halten? Weil wir tot sind. Laßt uns bei dem Beispiel des Rechnens bleiben. Nehmt einmal an, ich habe fünfzehn Schillinge in meinem Geldbeutel.

Welche Zahl erscheint also in meinem Kassenbuch? Etwa vierzehn Schillinge und sechs Pence oder fünfzehn Schillinge und sechs Pence? Nein, in meiner Buchführung muß genau der Betrag erscheinen, der sich tatsächlich in meinem Geldbeutel befindet. Buchführung rechnet mit Fakten, nicht mit Illusionen.

Genauso fordert mich Gott auf, mich als tot einzuschätzen, da ich wirklich bereits tot bin. Gott würde niemals von mir verlangen, etwas in mein Kassenbuch einzutragen, was nicht wahr wäre. Er könnte mich nicht auffordern, mich für tot zu halten, wenn ich noch am Leben wäre. Für solche gedanklichen Verrenkungen wäre das Wort ,,einschätzen“ unangemessen, und man würde eher von ,,fehleinschätzen“ sprechen!

Sich einschätzen bedeutet nicht, sich etwas vormachen. Habe ich nämlich nur zwölf Schillinge in meinem Geldbeutel, wird sich an dieser Tatsache nichts ändern, auch wenn ich fünfzehn Schillinge in mein Kassenbuch eintrage und ,,dafürhalte“, daß sich fünfzehn Schillinge in meinem Geldbeutel befinden. Glaubt ihr, daß das Bemühen in meinem Verstand, mir einzureden: ,,Ich habe fünfzehn Schillinge, ich habe fünfzehn Schillinge, ich habe fünfzehn Schillinge“, irgendeine Auswirkung auf den tatsächli – chen Betrag von nur zwölf Schillingen in meinem Geldbeutel hat? Dies wird absolut nicht der Fall sein! Mein Dafürhalten wird nicht aus zwölf Schillingen plötzlich fünfzehn Schillinge machen, noch aus etwas Unwahrem etwas Wahres. Habe ich dagegen tatsächlich fünfzehn Schillinge, kann ich mit Fug und Recht und mit Gewißheit fünfzehn Schillinge in mein Kassenbuch eintragen. Gott fordert uns auf, uns für tot zu halten, nicht damit wir durch unser Dafürhalten dahin kommen, sondern weil wir bereits tot sind. Er hat uns niemals aufgefordert, uns für etwas zu halten, was nicht den Tatsachen entspricht.

Obwohl wir gesagt haben, daß uns die Offenbarung dahin bringt, daß wir uns für tot halten können, dürfen wir nicht übersehen, daß auch eine Aufforderung ausgesprochen wird: ,,Schätzt auch ihr euch so ein ...“ Das bedeutet, daß wir eine ganz bestimmte Haltung einnehmen sollen. Gott fordert uns auf, das Rechnen zu übernehmen, die Eintragung, ,,ich bin gestorben“, selbst niederzuschreiben und dann nach dieser Tatsache zu leben.

Warum? Weil dies eine vollendete Tatsache ist. Als der Herr Jesus am Kreuz starb, war ich in ihn eingeschlossen. Aus diesem Grund halte ich es für wahr und verkündige, daß ich in ihm gestorben bin. Paulus sagte: ,,Nun schätzt auch ihr euch so ein, daß ihr der Sünde tot seid, aber Gott in Christus lebt.“ Wie ist dies möglich? ,,In Christus Jesus.“ Ihr dürft niemals vergessen, daß diese Tatsache einzig und allein in Christus wahr ist. Schaut ihr auf euch selbst, werdet ihr denken, daß ihr noch sehr lebendig seid. Hier aber geht es um den Glauben an ihn, nicht an uns. Ihr schaut auf den Herrn und seid euch bewußt, was er getan hat.

,,Herr, ich glaube dir, ich halte das für wahr, was in dir wahr ist.“ Laßt euch von diesem Stand niemals wegbewegen.

Sich durch den Glauben einschätzen


Der zweite Schritt: sich einschätzen Der zweite Schritt: sich einschätzen Die ersten viereinhalb Kapitel des Römerbriefes handeln vom Glauben und immer wieder vom Glauben. Durch den Glauben an ihn werden wir gerechtfertigt (Röm. 3:28; 5:1). Durch den Glauben empfangen wir ebenso Gerechtigkeit, Vergebung unserer Sünden und Frieden mit Gott, welche uns ohne den Glauben an das vollbrachte Werk des Herrn Jesus Christus niemals zuteil werden können. Im zweiten Abschnitt des Römerbriefes jedoch kehrt das Wort ,,Glaube“ nicht so häufig wieder, was zunächst darauf hindeuten mag, daß der Schwerpunkt in diesem Abschnitt ein anderer ist. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn die Worte ,,Glaube“ und ,,glauben“ im zweiten Abschnitt werden lediglich durch das Wort ,,einschätzen“ ersetzt. Einschätzen und glauben bedeuten hier im Grunde genommen dasselbe.

Was ist Glaube? Glaube ist mein Annehmen der vor Gott gültigen Tatsachen, die immer in der Vergangenheit begründet liegen. Was sich auf die Zukunft bezieht, ist eher mit Hoffnung als mit Glaube zu bezeichnen, obwohl das Ziel des Glaubens auch in der Zukunft liegen mag, wie zum Beispiel in Hebräer 11.

Aus diesem Grund vielleicht wurde in diesem Abschnitt das Wort ,,einschätzen“ gewählt, weil es sich einzig und allein auf die Vergangenheit bezieht, auf abgeschlossene Tatsachen und nicht auf etwas, das noch kommen soll. Von solch einem Glauben spricht Markus 11:24: ,,Alles, was ihr auch betet und bittet – glaubt, daß ihr es empfangen habt, und es wird euch werden.“ Mit diesem Vers wird ausgesagt, daß ihr empfangt, was ihr erbittet, wenn ihr glaubt, daß ihr es (natürlich nur in Christus) bereits empfangen habt. Euer Glaube, daß es euch vielleicht werden wird, daß es euch werden kann oder sogar, daß ihr es in der Zukunft empfangen werdet, ist nicht der Glaube, von dem dieser Vers spricht. Glaube bedeutet, nicht daran zu zweifeln, daß ihr es bereits empfangen habt. In diesem Sinne ist Glaube nur auf die Vergangenheit gerichtet. Menschen, die sagen ,,Gott könnte“, ,,Gott muß“ oder ,,Gott wird“, glauben möglicherweise nicht einmal.


Der Glaube sagt immer: ,,Gott hat es bereits getan.“ Wie äußert sich nun mein Glaube daran, daß ich gekreuzigt bin? Nicht indem ich sage, Gott kann oder wird oder muß mich kreuzigen, sondern indem ich freudig ausrufe: ,,Lobt den Herrn, in Christus bin ich gekreuzigt!“

In Römer 3 lesen wir, daß der Herr Jesus unsere Sünden trug und stellvertretend an unserer Statt zur Vergebung unserer Sünden starb. Römer 6 lehrt uns, daß wir in seinen Tod mit eingeschlossen und so von der Sünde befreit wurden. Als uns die erste Tatsache offenbart wurde, glaubten wir und wurden gerechtfertigt.

Nun fordert Gott uns auf, uns gemäß der zweiten Tatsache einzuschätzen, damit wir befreit werden. Aus praktischen Gründen wird also im zweiten Abschnitt des Römerbriefes ,,einschätzen“ statt ,,glauben“ verwendet, der Schwerpunkt ist jedoch derselbe. So wie ein normales Christenleben begann, geht es auch weiter voran: nämlich im Glauben an die göttlichen Tatsachen

an Christus und sein Kreuz.

Sonntag, 12. Juli 2009

Offenbarungserkenntnis teil 2

Nochmal aus dem Buch
Das normale Christenleben von Watchman Nee

Fragt man verschiedene Gläubige, die ein normales Christenleben führen, wie sie zu dieser Erfahrung kamen, werden einige dieses, andere jenes erzählen. Jeder betont seine spezielle Art und Weise, wie er zu dieser Erfahrung kam, und zieht die Schrift heran, seine Erfahrung zu untermauern. Leider verwenden viele Christen ihre speziellen Erfahrungen und besonderen Verse dazu, um gegen andere Christen zu Felde zu ziehen. Wir sollten erkennen, daß Christen auf verschiedene Weise zu einem tieferen Leben mit dem Herrn kommen. Wir sollten also nicht die Erfahrungen und Lehren anschauen, die manche für allein gültig halten, sondern sollten sie vielmehr als einander ergänzend betrachten. Eines ist jedoch sicher: jede in den Augen Gottes echte und wertvolle Erfahrung wird nur durch eine jeweils neue Entdeckung von der Bedeutung der Person und des Werkes des Herrn Jesus gewonnen. Dies ist ein wichtiger und sicherer Maßstab.

In dem von uns betrachteten Abschnitt macht Paulus alle Erfahrungen von solch einer Entdeckung abhängig. ,,Da wir dies wissen, daß unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde unwirksam würde, so daß wir der Sünde nicht mehr als Sklaven dienen“ (Röm. 6:6).

Göttliche Offenbarung ist grundlegend für unsere Erkenntnis

Es sollte also unser erster Schritt sein, von Gott Erkenntnis durch Offenbarung zu erbitten – eine Offenbarung nicht über uns selbst, sondern des vom Herrn Jesus Christus am Kreuz vollbrachten Werkes. Hudson Taylor, der Gründer der China-Inlandmission, begann sein normales Christenleben folgendermaßen: Vielleicht erinnert ihr euch, wie er lange um ein Leben ,,in Christus“ rang und versuchte, den Lebenssaft aus dem Weinstock für sich in Anspruch zu nehmen. Er war sich bewußt, daß das Leben Christi durch ihn hindurch und zu anderen hinfließen mußte, doch er wußte, daß dies nicht der Fall war. Er sah deutlich, daß er dazu in Christus erfunden werden mußte. ,,Ich wußte“, schrieb er 1869 in einem Brief aus Chinkiang an seine Schwester, ,,daß alles in Ordnung sein würde, wenn ich nur in Christus bleiben könnte, aber ich konnte nicht.“

Je mehr er versuchte, hineinzukommen, desto mehr entdeckte er, wie er gewissermaßen wieder herausfiel, bis eines Tages das Licht anfing zu scheinen, er Offenbarung bekam und etwas sah. Er beschreibt diese Erfahrung folgendermaßen: ,,Hier, liegt das Geheimnis, das fühle ich! Nicht danach fragen, wie ich den Saft aus dem Weinstock in mich bekomme, sondern daran denken, daß Jesus der Weinstock ist mitsamt seiner Wurzel, dem Stamm, den Ästen, den Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten, daß er tatsächlich alles ist.“

Er zitiert dann die Worte eines Freundes, die ihm eine Hilfe waren und fährt fort:

,,Ich brauche mich nicht selbst zur Rebe zu machen. Jesus sagt mir, daß ich eine Rebe bin. Ich bin ein Teil von ihm und brauche das nur zu glauben und danach zu handeln. Ich weiß das schon lange aus der Bibel, doch erst jetzt glaube ich es als lebendige Wirklichkeit.“

Es war, als wenn eine schon immer bestehende Wahrheit plötzlich für ihn persönlich ganz neu wahr geworden wäre. Er schreibt darüber an seine Schwester:

,,Ich weiß allerdings nicht, ob es mir ganz gelingen wird, mich dir verständlich zu machen, weil es eigentlich nichts Neues, Fremdes oder Wunderbares ist – und dennoch ist alles neu! Mit einem Wort: ,Ich war blind und bin nun sehend.‘ Ich bin mit Christus gestorben und begraben – ja, auch auferstanden und gen Himmel gefahren! ... So sieht mich Gott und befiehlt mir, mich selbst so zu sehen. Er weiß es am besten ... Oh, welche Freude, diese Wahrheit zu erkennen! Ich bete nur, daß die Augen deines Verständnisses erleuchtet werden, damit du erkennst und erlebst, welche Reichtümer uns in Christus frei geschenkt sind.“*

Oh, es ist großartig zu sehen, daß wir in Christus sind! Stellt euch nur einmal die Verwirrung vor, die jemanden befällt, der versucht, in einen Raum hineinzugelangen, in dem er sich bereits befindet! Bedenkt einmal, wie absurd es wäre, um Einlaß zu bitten! Wenn wir erkennen, daß wir bereits im Raum sind, bemühen wir uns nicht mehr darum, noch hineinzukommen.

Hätten wir mehr Offenbarung, würden wir weniger bitten und mehr loben. Wir beten so viel für uns selbst, weil wir keine Augen dafür haben, was Gott bereits getan hat.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit in Schanghai. Ich unterhielt mich damals mit einem Bruder, der sich sehr viel mit seinem geistlichen Zustand beschäftigte. So sagte er zum Beispiel: ,,So viele Christen leben ein wunderschönes, heiliges Leben. Ich schäme mich meiner selbst. Ich nenne mich einen Christen, doch wenn ich mich mit anderen vergleiche, zweifle ich manchmal daran, daß ich wahrhaftig ein Christ bin. Ich möchte ein Christ sein, der das gekreuzigte Leben kennt, der das Auferstehungsleben kennt, aber ich kenne es nicht und weiß auch nicht, wie ich dahin kommen soll.“ Es war damals bei diesem Gespräch noch ein anderer Bruder dabei, und beide versuchten wir ungefähr zwei Stunden lang, diesem Bruder zu zeigen, daß er außerhalb von Christus auch nichts erreichen konnte, doch ohne Erfolg. Unser Freund sagte: ,,Das Beste, was ich tun kann, ist beten.“ – ,,Wenn Gott dir aber bereits alles geschenkt hat, was mußt du dann noch bitten?“, fragten wir. ,,Er hat mir ja noch nicht alles geschenkt“, antwortete der Mann, ,,weil ich noch immer meine Geduld verliere und ständig versage.

Ich muß also noch mehr beten.“ – ,,Gut“, sagten wir, ,,bekommst du denn auch, worum du bittest?“ – ,,Leider muß ich gestehen, daß ich überhaupt nichts von dem bekomme“, erwiderte er. Wir versuchten, ihm zu erklären, daß genauso, wie er nichts für seine Rechtfertigung getan hatte, er auch nichts für seine Heiligung zu tun brauchte.

Gerade in dem Augenblick kam ein dritter Bruder, den der Herr schon oft benutzt hatte, herein und schaltete sich in das Gespräch ein. Eine Thermosflasche stand auf dem Tisch, und er nahm sie und fragte: ,,Was ist das?“ – ,,Eine Thermosflasche.“ – ,,Gut, stell dir einmal vor, daß diese Thermosflasche beten kann, und daß sie ungefähr folgendermaßen anfängt zu beten: ,Herr, ich wäre so gern eine Thermosflasche. Bitte mache aus mir eine Thermosflasche. Herr, gib mir Gnade, eine Thermosflasche zu werden. Ich bitte dich inständig darum!‘ Was würdest du dazu sagen?“ – ,,Ich glaube, daß nicht einmal eine Thermosflasche so dumm wäre, so zu bitten“, antwortete unser Freund. ,,Es wäre Unsinn, so zu beten, denn sie ist ja schon eine Thermosflasche!“ Unser dritter Bruder sagte damals: ,,Du tust genau dasselbe. Gott hat dich vor fast zweitausend Jahren bereits in Christus eingeschlossen.

Als er starb, starbst du mit ihm, als er wieder lebendig wurde, wurdest auch du lebendig. Du brauchst heute nicht zu sagen: ,Ich möchte sterben, ich möchte das Auferstehungsleben empfangen.‘ Der Herr wird dich einfach nur anschauen und sagen: ,Du bist schon tot! Du hast bereits neues Leben empfangen!‘ All deine Gebete sind genauso absurd wie das Gebet der Thermosflasche. Du brauchst den Herrn um gar nichts mehr zu bitten. Deine Augen müssen nur noch geöffnet werden, damit du erkennst, daß er bereits alles getan hat.“

Darum geht es. Wir brauchen uns nicht anzustrengen zu sterben, wir brauchen auch nicht darauf zu warten, daß wir sterben, denn wir sind bereits tot. Wir müssen lediglich erkennen, was der Herr bereits getan hat und ihn dafür loben. Nun ging diesem Mann ein Licht auf. Mit Tränen in den Augen sagte er: ,,Herr, ich lobe dich, daß du mich bereits in Christus eingeschlossen hast. Alles, was sein ist, ist auch mein!“ Er empfing eine Offenbarung und konnte diese Tatsache im Glauben ergreifen.

Als wir diesen Bruder später wieder trafen, konnten wir eine große Veränderung in ihm feststellen.

Das Kreuz geht unserem Problem an die Wurzel

Ich möchte euch noch einmal vor Augen führen, wie grundlegend das Werk des Herrn am Kreuz war. Ich glaube, ich kann diese Tatsache nicht oft genug betonen. Wir müssen eine Sicht dafür bekommen.

Stellt euch zum Beispiel vor, die Regierung eures Landes wolle das Problem des Alkohols durch drastische Maßnahmen angehen. Sie beschließt also, alle alkoholischen Getränke zu verbieten. Wie kann solch eine Entscheidung in die Tat umgesetzt werden? Würde es ausreichen, jedes Geschäft und jedes Haus im ganzen Land zu durchsuchen und alle Weinflaschen, Bierflaschen oder dergleichen, derer man habhaft wird, zu zerschlagen? Natürlich nicht. Auf diese Weise könnte man zwar das ganze Land von jedem Tropfen Alkohol befreien, doch hinter diesen Flaschen stehen die Fabriken, die den Alkohol herstellen.

Beseitigte man nur die Flaschen, ließe die Fabriken aber unangetastet, ginge die Alkoholproduktion weiter, und das Problem wäre nicht gelöst. Nein, die Fabriken, die den Alkohol herstellen, die Brauereien und Schnapsbrennereien im ganzen Land müßten geschlossen werden, wenn das Problem des Alkohols wirksam und endgültig gelöst werden soll.

Wir sind diese Fabrik, und unsere Taten sind die Erzeugnisse.

Das Blut des Herrn Jesus hat die Erzeugnisse beseitigt, nämlich unsere Sünden. Die Frage unserer bösen Taten ist nun gelöst, doch sollte Gott dort aufgehört haben? Wie steht es mit dem Problem unseres Seins? Die Sünden, die wir begehen, wurden bereits beseitigt, doch wie werden wir beseitigt? Glaubt ihr, daß der Herr all unsere Sünden abwusch und es nun uns überläßt, die sündenerzeugende Fabrik abzureißen? Glaubt ihr, daß der Herr, nachdem er uns unsere Erzeugnisse weggenommen hat, uns mit der Beseitigung der gesamten Produktion allein läßt? Diese Frage beantwortet sich fast von selbst. Natürlich vollbrachte der Herr nicht nur die Hälfte des Werkes und überließ uns die andere Hälfte. Nein, er beseitigte die Erzeugnisse und ebenso die Fabrik, die diese herstellte.

Das vollbrachte Werk Christi ging dem Problem an die Wurzel und räumte es aus dem Weg. Gott blieb nicht auf halbem Wege stehen. Er sorgte dafür, daß die Macht der Sünde vollständig gebrochen wurde.

,,Da wir dies wissen, daß unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde unwirksam würde, so daß wir der Sünde nicht mehr als Sklaven dienen“ (Röm. 6:6). Aber wißt ihr es tatsächlich? ,,Oder wißt ihr nicht ...?“ (Röm. 6:3). Möge der Herr uns gnädig sein und uns die Augen öffnen!




Samstag, 11. Juli 2009

Normales Christenleben

Hier nochmal ein Auszug aus einem Buch von Watchman Nee.

Gottes Vorgehensweise bei der Befreiung ist ganz anders als die der Menschen. Die Menschen versuchen, die Sünde zu überwinden, indem sie sie unterdrücken. Gott hingegen beseitigt den Sünder. Viele Christen sind betrübt darüber, daß sie so schwach sind, und sie denken, alles wäre in Ordnung, wenn sie nur stärker wären. Die Meinung, daß unser Unvermögen, ein heiliges Leben zu leben, auf unsere Ohnmacht zurückzuführen sei und wir daher noch mehr leisten müßten, führt uns natürlich zu dieser falschen Vorstellung über die Art und Weise der Befreiung. Beschäftigen wir uns nur mit der Macht der Sünde und mit unserer Unfähigkeit, sie zu überwinden, dann ist unsere logische Schlußfolgerung, daß wir mehr Kraft brauchen, um über die Sünde zu siegen.

,,Wenn ich nur stärker wäre“, meinen wir, ,,könnte ich meine Wutausbrüche wohl überwinden“, und so flehen wir den Herrn an, uns zu stärken, damit wir uns besser beherrschen können.

Dies ist jedoch ein großer Trugschluß, der mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hat. Gottes Weg, uns von der Sünde zu befreien, ist nicht, uns immer stärker, sondern immer schwächer zu machen. Ist das nicht ein ungewöhnlicher Weg zum Sieg? Ja, aber es ist der göttliche Weg. Gott befreit uns von der Herrschaft der Sünde nicht, indem er unseren alten Menschen stärkt, sondern, indem er ihn kreuzigt, nicht, indem er ihm hilft, sondern indem er ihn von der Bildfläche verschwinden läßt.

Ihr habt vielleicht jahrelang erfolglos versucht, Selbstbeherrschung zu erlernen, und möglicherweise seid ihr immer noch damit beschäftigt. Wenn ihr jedoch einmal die Wahrheit erkannt habt, wird euch klar, daß ihr selbst tatsächlich unfähig seid, irgend etwas zu tun, daß aber Gott bereits alles getan hat, indem er euch beseitigte. Solch eine Erkenntnis macht allem menschlichen Kämpfen und Mühen ein Ende.

Der erste Schritt: ,,Da wir ja wissen ...“

Das normale Christenleben muß mit einem sicheren ,,Wissen “ beginnen, welches mehr ist als Erkenntnis eines Teils der Wahrheit oder Verstehen einer wichtigen Lehre. Solch ein Wissen bekommen wir nicht durch verstandesmäßiges Erkennen, sondern wenn uns die Augen des Herzens geöffnet werden und wir erkennen, was wir in Christus empfangen haben.

Woher wißt ihr, daß euch die Sünden vergeben sind? Weil es euch euer Pastor versichert hat? Nein, ihr wißt es einfach. Frage ich euch, woher ihr dies wißt, wird eure Antwort sein: ,,Ich weiß es einfach!“ Solch ein Wissen kommt durch göttliche Offenbarung, es kommt vom Herrn selbst. Natürlich finden wir die Tatsache der Sündenvergebung in der Bibel, doch damit das geschriebene Wort Gottes sein lebendiges Wort an euch werden konnte, mußte er euch ,,einen Geist der Weisheit und der Offenbarung geben, ihn völlig zu erkennen“ (Eph. 1:17). Ihr mußtet Christus auf diese Weise erkennen, und dies ist immer so.

Jedesmal, wenn wir ein Stück mehr von Christus erkennen, kommt der Augenblick, wo wir es in unserem Herzen wissen und in unserem Geist sehen. Ein Licht scheint in unser inneres Sein hinein, und wir sind von dieser Tatsache völlig überzeugt.

Was für die Vergebung der Sünden gilt, ist nicht weniger wahr für die Befreiung von der Sünde. Erreicht das Licht Gottes einmal euer Herz, seht ihr euch selbst in Christus. Nun glaubt ihr nicht, weil es euch jemand gesagt hat oder weil es in Römer 6 steht, sondern ihr wißt es, weil Gott es euch durch seinen Geist offenbart hat. Möglicherweise fühlt ihr nichts und versteht es auch nicht, aber ihr wißt es, denn ihr habt es gesehen. Habt ihr einmal gesehen, daß ihr in Christus seid, kann die Gewißheit dieser wunderbaren Tatsache durch nichts mehr erschüttert werden.